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Let The Bad Times Roll

Album

Let The Bad Times Roll

2021Rock · Musik

„Nur meckern hilft nicht. Hoffnung ist die eigentliche Message.“

Tracks

  1. 12:38
  2. 23:18
  3. 33:21
  4. 43:11
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  12. 121:12

About this album

Der Sound ist unverwechselbar: Nach ihrem Aufstieg aus der südkalifornischen Hardcore-Szene in den 1980er-Jahren hat sich der melodische Punk von The Offspring immer mehr von damaligen Stilverwandten abgekoppelt – allen voran wegen des Tenors von Frontmann Dexter Holland. Mürrisch, rotzfrech und sarkastisch erweist er sich als perfektes Gegenstück zum Faible der Band für fette Riffs, ungestüme Drums, harte Beckenschläge. Nach 37 Jahren Bandgeschichte ist das Gespür für diese Vordringlichkeit nie ins Wanken geraten und hat sich durch die Trump-Ära im Grunde nur weiter verschärft. Nun also „Let the Bad Times Roll“, The Offsprings 10. Studioalbum und das erste seit neun Jahren. „Ich sehe uns sicher nicht als politische Band, aber wie sollst du derzeit ein Album machen, ohne darüber zu sprechen, was in den vergangenen Jahren abgegangen ist“, erklärt Dexter Holland im Gespräch mit Apple Music. „Es gibt Entscheidungsträger, die sich nicht wirklich um die Probleme auf der Erde kümmern und sie stattdessen lieber befeuern. Die schlechten Zeiten sind immer noch im Gange.“
Doch der satirische Charme der Band meidet jeden moralischen Unterton. Stattdessen finden sich auf dem Album tanzende Trompeten, Klarinetten und Saxofone („We Never Have Sex Anymore“) sowie eine balladeske Piano-Interpretation des Offspring-Klassikers „Gone Away“ – ja, es gibt sogar ein Punk-Cover eines Orchesterstücks aus dem Jahr 1875. „Die Songs beschäftigen sich alle mit verschiedenen sozialen Themen – psychische Probleme, Suchtkrankheiten oder dem allgemeinen Zustand der Welt“, berichtet Holland. „Meckern allein hilft aber nicht. Hoffnung ist die eigentliche Message des Albums.“ Das sind weise Worte einer der erfolgreichsten Punkbands aller Zeiten. Was es im Detail mit dem Album auf sich hat, verrät uns Holland an dieser Stelle Track für Track.
„This Is Not Utopia“ „Wir haben einen Song namens ‚Shit Is Fucked Up‘ geschrieben, doch der war erst nichts – aber check den jetzt mal aus! Es klingt so, als handele er von den Unruhen, die sich letzten Sommer zugetragen haben, obwohl er bereits davor fertig war, nämlich im April. Es ist jetzt auch nicht so, als hätte ich irgendwas vorhergesehen, aber man hat schon gemerkt, dass sich da was zusammenbraut. Irgendwann lief das Fass dann halt über. Menschen werden unterdrückt, sie spüren das und zeigen ihren Unmut darüber.“
„Let the Bad Times Roll“ „Wir hätten den Song auch einfach ‚Trump ist ein Dummkopf‘ nennen können, aber das wäre zu offensichtlich gewesen. Es geht um viel mehr als das. Es ist ein Jammer, dass wir mittlerweile an diesem Punkt angekommen sind. Bei [der Zeile] ‚Machiavelli flow‘ bilde ich mir einen Politiker ein, der sagt, was immer nötig ist, um ins Oval Office zu kommen, und dann jeden bescheißt, sobald er dort angekommen ist. Es genügt wohl ein höherer Rang, um andere zu bevormunden. Ich denke einfach: ‚Oh, scheiß drauf, lös das Problem!‘ Die Strophen haben Druck, sind ziemlich geladen, gehen dann aber in einen luftigeren Refrain über, fast wie ein musikalischer Bewältigungsmechanismus.“
„Behind Your Walls“ „In den letzten Jahren sind ein paar Musiker von uns gegangen. Ich wünschte, dass ich noch einmal mit ihnen sprechen könnte, um zu fragen: ‚Alter, was ging da eigentlich in deinem Kopf vor? Hilf mir zu begreifen, was du durchgemacht hast, um nur noch einen Ausweg zu sehen.‘ Ich hatte einen guten Freund, dessen Sohn Selbstmord beging. Hier dachte ich dann plötzlich: ‚Mein Gott, es fühlt sich so an, als würde ich den Song für meinen Freund schreiben‘ – obwohl er bereits tot war. Als ich aufgewachsen bin, haben mich diese düsteren Themen auf viele Bands aufmerksam gemacht, die ich mochte: Punks hatten keine Angst, über Depressionen zu sprechen. Es hat geholfen.“
„Army of One“ „Das ist ein Superheldensong, nicht wahr? ‚The world sucks and everything’s stacked against me, but I’m going to put my head down and run as fast as I can, up through the wall, and try to get through it.‘ Verschanze dich ruhig, wenn du merkst, dass gerade alles zu viel wird und versuche dann, Widerstandskraft und Selbstvertrauen in dir zu finden, um da wieder rauszukommen.“
„Breaking These Bones“ „In den vergangenen Jahren habe ich ein paar Menschen verloren. Wenn du am Boden bist, willst du dich einfach nur zurückziehen. Du willst die Jalousien runterlassen. Du willst, dass alles dunkel ist. Du willst einfach nur im Bett liegen. Diese Trauer kann den ganzen Körper überfallen. Es fühlt sich buchstäblich so an, als würde dich etwas erdrücken, als würde etwas deine Knochen zermalmen. Ich bin mir sicher, dass die meisten Kids den Song hören und sich denken: ‚Oh, das lädt zum Moshpit ein!‘ – was auch okay ist. Letztendlich möchte ich ja auch, dass sich die Menschen unterhalten fühlen. Wenn sie sich den Lyrics jedoch auf einer tieferen Ebene widmen möchten, werden sie definitiv auch fündig. Es ist aber nicht notwendig.“
„Coming for You“ „Als wir [im Jahr 2015] ‚Coming for You‘ geschrieben haben, waren wir an einem Punkt, an dem alle meinten: ‚Warum eigentlich noch ein Album machen? Es hört sich doch eh jeder nur die Single an. Warum veröffentlichen wir nicht einfach nur noch Singles?‘ Ich mochte den Song. Er lief im Radio. Doch ich glaube, dass er nie so richtig offiziell veröffentlicht wurde. Das war unbefriedigend. Wir entschieden uns dann dazu, nicht noch mehr einzelne Songs zu veröffentlichen und stellten einfach das Album fertig. ‚Coming for You‘ passt immer noch zu den anderen Songs auf dem Album.“
„We Never Have Sex Anymore“ „Dieser Song existierte anfangs nur für die Gitarre – bis wir ein Klavier dazu aufnahmen. Für mich ist es ein Song zum Schunkeln. Klar, am Ende haben wir noch eine Klarinette und anderes abgedrehtes Zeug mit reingenommen. Insgesamt waren die Aufnahmen ein Riesenspaß. Ich weiß, dass das für unsere Verhältnisse schon sehr experimentell ist, aber wir versuchen auf jedem Album etwas, dass man nicht von uns erwartet. Vielleicht es ist gerade dann Punk, wenn man versucht, nicht Punk zu sein.“
„In the Hall of the Mountain King“ „Der Song dauert 60 Sekunden. Eigentlich ist es ein Klassikstück von Edvard Grieg auf einem Punk-Beat. Wir ließen ihn immer schneller und schneller werden, bis er in sich zusammenbrach. Wir mussten schon ordentlich daran rumbasteln, um die Vergangenheit ins rechte Licht zu rücken. Mozart, nimm dich in Acht, denn als nächstes bist du dran!“
„The Opioid Diaries“ „In diesem Song geht es um Suchtprobleme, was natürlich nichts Neues ist. Der Grund, aus dem ich ihn dennoch schrieb, war mein Gefühl, dass durch die ganzen Opiate etwas zuvor Undenkbares in den USA abging. Die Menschen, die süchtig werden, sind normalerweise nicht diejenigen, von denen du erwarten würdest, dass sie süchtig werden. Doch dann ist da ein Quarterback, der sich eine Verletzung zuzieht. Ein Typ aus der Arbeiterklasse, dessen Rücken schmerzt und der sich nun nach Schmerzmitteln umsieht. Unschuldig wie solche Typen sind, bekommen sie gleich irgendwelches Zeugs verschrieben, von dem sie gar nicht wissen, wie abhängig es eigentlich macht. Das ist die Kehrseite der Pharmaindustrie. Sie weiß genau, wie viel Suchtpotenzial diese Medikamente haben. Erst fangen Patienten an, diese Pillen zu nehmen. Dann fehlt ihnen aber das Rezept oder sie können sich das Zeug einfach nicht mehr leisten, also steigen sie auf Heroin um. Und dann verpassen sie sich eine Überdosis. Wir sind es, die diese Personen unabsichtlich zu Süchtigen machen.“
„Hassan Chop“ „Jemand hat mir mal gesagt: ‚Bis ich eure Texte las, dachte ich immer, eure Musik sei fröhlich‘ – das ist vermutlich unser Geheimnis. Ich wollte einen Song über den Mittleren Osten schreiben, speziell über ISIS und wie brutal es dort drüben zugeht. Wir reden hier von Enthauptungen. Als ich mir das durch den Kopf gehen ließ, hat mich das an einen alten Bugs-Bunny-Cartoon [‚Ali Baba Bunny‘] erinnert, in dem ein Typ herumläuft, der ‚Hassan chop‘ sagt, weshalb ich auch den Song so nannte. Menschen unter 50 kennen das gar nicht mehr, aber es war echt toller Zeichentrick. [Der Song handelt davon], wie schrecklich es dort drüben ist – nicht, um mit dem Finger drauf zu zeigen, sondern um es ganz unverblümt darzustellen: eine Fortsetzung der Kreuzzüge. Jetzt mal ehrlich, das ist doch derselbe Mist, der schon seit Jahrtausenden abgeht: ‚Mein Gott ist der einzig wahre und deiner stinkt ab, weshalb ich dich jetzt leider dafür töten muss.‘“
„Gone Away“ „‚Gone Away‘ hatte ich ursprünglich für [das 1997 erschienene Album] „Ixnay on the Hombre“ geschrieben. Wir spielten den Song eine Zeit lang live, wollten in unserem Set aber einen Moment der Ruhe haben – einen Klavier- und A-capella-Moment, um etwas durchatmen zu können. Das haben wir dann auch gemacht und sofort gingen die Feuerzeuge an. In den sozialen Medien haben wir so viele Nachrichten erhalten, in denen es hieß: ‚Woher kriege ich die Piano-Version von diesem Song‘, weshalb wir ihn mit aufs Album genommen haben. Die Erfahrung im Studio war echt seltsam, weil ich es normalerweise gewohnt bin, dass laute Gitarren meine gesanglichen Mängel überdecken. Es war unangenehm, sich so ungeschützt zu fühlen. Es hat eine Weile gedauert, um das hinter mich zu bringen.“
„Lullaby“ „‚Lullaby‘ ist der Abschluss des Albums und erinnert noch mal an die grundlegende Message: Let the bad times roll. Die Themen sind allesamt nebensächlich im Vergleich zum großen Ganzen dieser schrägen Zeit, in der wir leben. Bei ‚Lullaby‘ kann ich mir vorstellen, wie ich einem Grammophon lausche. Das liegt wohl an der Stelle, die sich gegen Mitte des Songs immer wieder wiederholt. Fast schon ein wenig theatralisch.“