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J.S. Bach: Johannes-Passion, BWV 245

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About this album

„Als ich das erste Mal die ‚Johannes-Passion‘ gesungen habe, hat das mein Leben verändert“, erinnert sich Raphaël Pichon im Gespräch mit Apple Music. Das lässt sich in seiner Einspielung des geistlichen Oratoriums von Johann Sebastian Bach mit dem Chor und den historischen Instrumenten des Pygmalion-Ensembles auch spüren. Der französische Komponist gibt hier viel von sich preis – und kann gleichzeitig die ganze emotionale Bandbreite der Komposition mit ihrer zutiefst menschlichen Reaktion auf den Tod Christi vermitteln. Die mitreißende und ergreifende Interpretation gelingt Pichon, weil er an seine eigene Erfahrung als zehnjähriger Novize im „Maîtrise des petits chanteurs de Versailles“-Knabenchor anknüpfen kann. Damals, in der Kirche Notre-Dame in Versailles bei Paris, kam er zum ersten Mal mit Bachs Werk in Berührung. „Ich stamme nicht aus einer musikalischen Familie. Dass ich angefangen habe zu singen, verdanke ich einfach mehreren Zufällen“, erzählt er. „Ich kam also in diesen Chor, der gerade die ‚Johannes-Passion‘ probte. Ich habe nichts davon verstanden. Aber ich war überwältigt von Bachs Polyphonie, von der Akustik der Kirche und dann von dieser Geschichte. Sie hat etwas in mir ausgelöst, sie hat mich verändert. Das war ein außergewöhnliches Gefühl.“ Als Kind seien zwei Stunden Musik für ihn wie eine Ewigkeit gewesen. „Die Zeit war so unglaublich lang zwischen dem Eingangschor ‚Herr, unser Herrscher‘ und dem letzten Choral ‚Ach Herr, lass dein lieb Engelein‘. Das hat bei mir erstmal den größten Eindruck hinterlassen.“ Bach komponierte die „Johannes-Passion“ für sein erstes Ostern als Thomaskantor in Leipzig. Sie wurde am Karfreitag 1724 uraufgeführt, im folgenden Jahr wieder gespielt und bis Bachs Tod im Jahr 1750 mindestens noch zweimal dargeboten. Raphaël Pichon hat für seine Einspielung die endgültige Fassung des Werks gewählt. In seiner Interpretation macht er sich das herzzerreißende Drama des Verrats, der Verurteilung und der Kreuzigung Christi zu eigen – aber auch die dazu diametral stehende Botschaft der Hoffnung, symbolisiert durch die Auferstehung. Die Gegensätze von Dunkelheit und Licht, so Pichon, seien zentral für sein Verständnis der Komposition. „Manchmal denke ich, wir vergessen, wie privilegiert wir sind, in einem freien Land zu leben. Und in einer Zeit, in der der Tod so viel weiter weg ist, als er es damals war“, sagt er. Bach wurde in einer Epoche geboren, in der die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), der in Teilen Deutschlands die Hälfte der Bevölkerung ausgelöscht hatte, noch sehr lebendig war. „Von der Kirche erwarteten die Menschen damals keine Ratschläge für das praktische Leben. Sie wollten wissen, wie sie dafür sorgen konnten, dass nach dem Tod etwas Besseres auf sie wartete.“ Die „Johannes-Passion“, erklärt er weiter, sei eine transformative Geschichte – eine Geschichte, die einer von Krieg, Hungersnot und vermeidbaren Katastrophen erschütterten Welt eine positive Bedeutung gibt. „Bach ist einer der begabtesten Dramatiker unter den Komponist:innen, hat aber nie eine Oper geschrieben. Stattdessen hat er uns auf so einfache, tiefe und zeitlose Weise eine der wichtigsten Geschichten überhaupt hinterlassen.“ Raphaël Pichon und Pygmalion haben die „Johannes-Passion“ erstmals 2014 und danach noch viele weitere Male aufgeführt, bevor sie das Werk nun über ein Jahrzehnt später richtig aufgenommen haben. „Für mich“, so Pichon, „ist die Beziehung zu dem Stück sehr persönlich. Es gehört seit 30 Jahren zu meinem Leben.“ Und für Pygmalion? „Es war praktisch eine zehnjährige Probe! Die meisten der Solist:innen waren von Anfang an dabei. Julian [Prégardien], Christian [Immler], Lucile [Richardot] … so viele von ihnen sind Teil dieser langen Reise. Und auch was den Chor und das Orchester angeht, haben wir immer versucht, dieses Album als Gemeinschaftswerk zu sehen: Jedes Wort, jede Phrase, jeder Choral sind Teil des Dramas, aber gleichzeitig auch ein Moment, in dem wir das Drama verlassen. All diese Elemente müssen klar angesprochen werden, weil wir sie alle gleichzeitig umsetzen müssen.“ Pichon würdigt mit seiner Arbeit viele Bach-Interpret:innen aus Vergangenheit und Gegenwart, von denen jeder und jede sein eigenes Verständnis des Werks beeinflusst hat. „Wir greifen zurück auf das Vermächtnis von Karl Richter und Nikolaus Harnoncourt, die Erhabenheit von Philippe Herreweghe, das Wissen und die Intelligenz von René Jacobs und dann natürlich auf die schockierende Dramatik in John Eliot Gardiners Bach-Aufnahmen. Gleichzeitig haben wir uns dieser Musik aber vielleicht auch mit einer Art frischem Blick, einer Art Unschuld genähert. Als französische Musiker:innen stehen wir nicht in einer langen Bach-Tradition. Wir hatten also die Möglichkeit, diese Musik ohne jede Angst zu interpretieren.“ Die „Johannes-Passion“, so Pichon, sei „unmittelbar menschliche, lebendige Musik“. Sie sei keineswegs entrückt von unserer Gegenwart, sondern weiterhin hochaktuell und relevant. Der Dirigent unterstreicht das mit seiner Wahl des Evangelisten, also des zentralen Erzählers des Werks. Julian Prégardien, selbst Sohn eines großen Interpreten der Rolle, haucht dem Passionstext Leben ein. Er taucht vollkommen ein in die Worte des Johannesevangeliums und vermittelt ihre allzu humanen Emotionen mit beißender Schärfe. „Ich interpretiere Passionen nur mit Julian. Er ist mein wichtigster Begleiter bei der Aufführung und Aufnahme von Bach-Passionen.“ Mit der Veröffentlichung der „Johannes-Passion“ hat eine Abzweigung von Raphaël Pichons kreativem Weg ihr Ende erreicht. Wie fühlt er sich jetzt, nachdem er und Pygmalion Bachs bedeutendste Chorwerke aufgenommen haben? „Ich habe gemischte Gefühle“, antwortet er. „Ich bin so dankbar, dass wir diese Stücke haben, besonders dieses. Gleichzeitig gab es da nach dem Ende der Aufnahme einen Moment, in dem ich dachte: ‚Okay, jetzt haben wir die Johannes-Passion, die h‑Moll-Messe, die Matthäus-Passion und Bachs Motetten aufgenommen. Ja, es gibt da noch sehr viele Kantaten. Aber wow … dieser große Block ist abgehakt.’ Für mich ist die Veröffentlichung dieser Aufnahme besonders bewegend. Ich denke, sie ist mit das Wichtigste, was ich im Leben bisher getan habe.“